Kinderpornografie

 

Erarbeitung:
Gisela Braun
(AJS NRW)

Horst Treffehn
(Landeskriminalamt NRW)

unter Mitarbeit von:

Marianne Hasebrink
(Kath. Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW)

Ulrike Werthmanns-Reppekus
(Der Paritätische NRW)

Herausgeberin und Verlag:

Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) NRW e.V.
Poststr. 15 - 23, 50676 Köln
Tel: 0221 / 92 13 92-0, Fax: 0221 / 92 13 92-20

mit Förderung aus Landesmitteln durch das
Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW

Köln 1997
Illustration und Layout : Dorothee Wolters, Köln

 

 

Vorwort

Die Ausbeutung von Kindern für kinderpornografische Zwecke ist ein besonders verabscheuungswürdiges Verbrechen. Skrupellose Geschäftemacher bannen den sexuellen Mißbrauch von Kindern auf die Leinwand. Kinder werden zu einer Ware entwürdigt und leiden ein Leben lang darunter.

Den Herstellern und Vertreibern von Kinderpornografie muß mit der ganzen Härte des Gesetzes das Handwerk gelegt werden.

Auch die Konsumenten müssen bestraft werden, denn sie sind es, die die Nachfrage für den Markt für Kinderpornografie schaffen. Deshalb hat auch der Bundesgesetzgeber vor einigen Jahren entschieden, daß nicht nur Handel, sondern ebenso der Besitz von Kinderpornografie unter Strafe gestellt wird. Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen hatte sich im Bundesrat mehrfach für eine Erhöhung des Strafmaßes für den Besitz und den Handel mit Kinderpornografie eingesetzt.

Die Broschüre will Eltern und Fachkräfte informieren. Sie will Sensibilität und Wachsamkeit gegenüber dem Problem wecken und sie will helfen, daß Menschen den Mut finden, zur Polizei zu gehen, wenn sie in Kontakt mit kinderpornografischen Produkten kommen. Ich würde mich freuen, wenn mit dieser Broschüre ein Beitrag geleistet werden kann, den sexuellen Mißbrauch von Kindern zu bekämpfen und den Geschäfte-machern Einhalt zu gebieten.

Kinder haben ein Recht auf Schutz und Sicherheit, und ich möchte die Erwachsenen ermutigen, mitzuhelfen, gegen das menschenverachtende Geschäft der Kinderpornografie vorzugehen. Mein Dank gilt den Fachleuten des Kinder- und Jugendschutzes und der Polizei, deren Engagement und Erfahrung die Erstellung der Broschüre möglich gemacht haben.

Dr. Axel Horstmann

Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales
des Landes NordrheinWestfalen

Was ist Kinderpornografie?

Kinderpornografie ist eine Form des sexuellen Mißbrauchs an Mädchen und Jungen. Kinder werden von Erwachsenen als Objekt zur Befriedigung eigener oder fremder sexueller Bedürfnisse benutzt, die sexuelle Ausbeutung wird im Bild festgehalten und dieses Zeugnis vom Leiden eines Kindes und der Gewalt eines Erwachsenen wird zu einer begehrten Ware, mit der einträgliche Geschäfte gemacht werden.

 

Das sagt das Gesetz

Kinderpornografie umfaßt alle pornografischen Schriften (§ 11 Abs. 3 StGB), in denen sexuelle Handlungen von Kindern an sich selbst, von Kindern untereinander, von Erwachsenen an Kindern und von Kindern an Erwachsenen gezeigt oder geschildert werden.

Dazu gehören z.B. Filme, Videos, Zeichnungen, Bilder, Fotos, Tonbänder, Erzählungen. Kind ist, wer zur Zeit der Tat noch nicht 14 Jahre alt ist. Die abgebildeten Handlungen umfassen alle vorstellbaren - und manchmal auch unvorstellbaren - sexuellen Praktiken.

Für die meisten Varianten kinderpornografischer Erzeugnisse werden Mädchen oder Jungen sexuell mißbraucht (§ 176 StGB). Die sexuelle Gewalttat wird als Stimulanz für den Täter und/oder aus finanziellem Interesse aufgenommen. Strafbar ist die Herstellung, die Verbreitung und der Besitz (§ 184 StGB).

Auch jede Handlung, die darauf gerichtet ist, in den Besitz der kinderpornografischen Produkte zu kommen, ist strafbar, zum Beispiel das Aufgeben eines Inserates oder Antworten auf eine Anzeige.

Keine Kinderpornografie im gesetzlichen Sinne sind sogenannte FKK-Hefte. Allerdings haben diese Magazine auch nichts mit der wirklichen Freikörperkultur zu tun. In den Heften sind Kinder, Mädchen und Jungen, nackt abgebildet und zwar meist auf eine sehr sexualisierte Weise.

Man kann davon ausgehen, daß die Zeitschriften hauptsächlich von Personen gekauft werden, die sexuell an Kindern interessiert sind. Es besteht die Gefahr, daß die Bilder auch benutzt werden, um Kindern zu suggerieren, daß es doch ganz normal sei, sich nackt fotografieren zu lassen.

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) hat einige dieser Magazine indiziert. Dies bedeutet Einschränkungen im Verkauf, aber kein Verbot, da es sich hier nach der gesetzlichen Regelung des § 184 StGB eben nicht um Kinderpornografie handelt. Deshalb können natürlich Erwachsene immer noch diese Hefte kaufen - manche werden durch die Indizierung erst recht neugierig - aber Kinder und Jugendliche sind auf jeden Fall besser geschützt. Die Indizierung ist also kein Allheilmittel, aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

 

 

Kinderpornografie - Ein neues Problem ?

Kinderpornografie existiert schon sehr lange - Produktion und Handel haben allerdings in den letzten zwanzig Jahren stark zugenommen. In den 70er Jahren gab es hauptsächlich Super-8-Filme.

Mit Einführung der verschiedenen Videosysteme wurden diese alten Filme auf Videokassetten überspielt und werden auch heute noch gehandelt.

Durch die technischen Neuerungen besonders im Videobereich wurden die Herstellung und die Vervielfältigung der Produkte sozusagen ,"kinderleicht". Ohne großen Aufwand, mit wenig Entdeckungsrisiko, kostengünstig und flächendeckend kann auch ein Laie Videokamera und Recorder für sein schmutziges Geschäft einsetzen. Die polizeiliche Auswertungsarbeit hat gezeigt, daß kinderpornografisches Material - wenn es erstmal in Umlauf gelangt - nicht mehr vom Markt verschwindet.

Zur Zeit bestimmen noch VHS-Videofilme den Markt. Allerdings ist mittlerweile zu beobachten, daß diese Filme auf digitale Speichermedien - also Computer mit Festplatten und Disketten oder im Einzelfall auf CD-Rom- übernommen werden.

 

Kinderpornografie - Wer macht sowas ?

Zum einen sind die Hersteller und Konsumenten von Kinderpornografie sogenannte "Neigungstäter". Sie mißbrauchen Kinder oder beobachten den sexuellen Mißbrauch und filmen oder fotografieren als zusätzliche Stimulierung. Die so entstandenen Produktionen werden unter Gleichgesinnten weitergegeben, getauscht, kopiert. Die eher unprofessionelle Aufmachung wird als "Home-Video mit besonders authentischer Atmosphäre" verkauft. Dieses Material kommt dann später häufig in den Handel - aus finanziellen Interessen oder weil ein Tauschpartner die Filme weitergegeben hat.

Der kinderpornografische sexuelle Mißbrauch geschieht hauptsächlich im nahen sozialen Umfeld und zwar überwiegend durch den Vater, Stiefvater oder den Lebensgefährten der Mutter - so die Erfahrungen der Polizei.

Die Opfer werden mit Geld oder Zuwendung genötigt, mit Drohungen und Gewalt gezwungen, erpreßt, gekauft, belogen, ausgenutzt. Die Herstellung von Kinderpornografie läßt sich in einer Familie nur schwer verheimlichen. So wissen häufig Mütter oder andere Familienangehörige Bescheid - gelegentlich agiert die Mutter als Darstellerin mit auf den Filmen.

Die sogenannten "professionellen" Pornografiehersteller haben selbst kein sexuelles Interesse an Kindern. Das Kind ist ausschließlich "Ware", die sexuelle Gewalttat dient nur dem Geschäft. Die Händlernetze sind teilweise recht gut organisiert, verfügen über relativ sichere Vertriebswege und oft einen festen Kundenstamm.

Nach polizeilichen Erkenntnissen entstanden alle bekanntgewordenen kinderpornografischen Filme mit europäischen Opfern in einer Abhängigkeitssituation des Opfers vom Täter. Das heißt, daß die Täter in einer Position sind, die es ihnen erlaubt, langfristig und mit Autorität auf das Kind einzuwirken, die Mißbrauchshandlungen zu erzwingen und das Schweigen für längere Zeit zu sichern - sie stehen in einer Beziehung zum Kind. Es wurden bisher keinerlei Filme gefunden, in denen es zu einem spontanen sexuellen Angriff auf Kinder kam.

Zusätzlich erschütternd ist, daß fast alle Opfer von bekanntgewordenen Kinderporno-Produktionen auch an interessierte Kunden zum sexuellen Mißbrauch vermittelt wurden.

 

Wege der Verbreitung

Angeboten wird Kinderpornografie überwiegend durch verschlüsselte Anzeigen in Sex- und Kontaktmagazinen. Auch in gewöhnlichen Tageszeitungen, Stadtteilblättern oder Zeitschriften tauchen Anzeigen auf, die harmlos klingen. Zum Beispiel:

 

Viele dieser Anzeigen sind wirklich harmlos. Aber genau das nützen Täter aus: Sie verstecken sich in der Normalität und das ist schwer zu durchschauen. Angegeben ist meist eine Bestelladresse, in der Regel postlagernd, oft im benachbarten Ausland - Vorkasse ist Bedingung.

So erfährt der Besteller nichts über den Anbieter. Nicht immer bekommt er dann auch, was er sich vorgestellt hat. Videos, auf denen nichts zu erkennen ist, mindere Bildqualität, aber der Besteller kann sich ja schlecht bei der Polizei beschweren.

In jüngster Zeit hört man viel über "Kinderpornografie im Internet". Was steckt dahinter? Kinderpornografische Fotos oder kurze Filmsequenzen werden digital über Datennetze verbreitet. Die Bilder werden in sogenannten Newsgroups und Chat-Räumen angeboten oder getauscht. Ein gewinnorientierter Handel mit Kinderpornografie wurde bislang noch nicht festgestellt. Alle Bewegungen in Datennetzen hinterlassen elektronische Spuren, die in diesem Fall relativ schnell zur Ermittlung eines Anbieters von kinderpornografischen Bildern führen würden. Das Internet fungiert also derzeit als Tauschbörse.

Problematischer, aber nicht unmöglich, ist die Verfolgung von Tätern im Ausland. Der Schutz von Kindern vor sexuellem Mißbrauch und der Verbreitung kinderpornografischer Schriften ist ein international geschütztes Rechtsgut. Diese Delikte sind in fast allen Ländern der Welt verboten. Über Rechtshilfeersuchen an das jeweilige Heimatland des Täters wird versucht, die Ermittlungen durch die zuständigen Behörden in diesem Land weiterzuführen.

Das Ausmaß - Was sagen die Zahlen?

In Veröffentlichungen oder den Medien tauchen immer wieder unterschiedliche Zahlen über das Ausmaß und die Größe des Kinderpornografie-Marktes auf. Wirklich seriöse Aussagen sind allerdings gar nicht möglich.

Die Polizei registriert in den letzten Jahren eine steigende Zahl von Ermittlungsverfahren wegen Verbreitung/Besitz kinderpornografischer Schriften, so zum Beispiel für Nordrhein - Westfalen (statistische Erfassung seit 01.01.95):

1995: 153 Fälle (davon Handel 52 / Besitz 101)

1996: 217 Fälle (davon Handel 76/Besitz 141)

1997: 517 Fälle (davon Handel 59/Besitz 458)

Vielleicht scheint das auf den ersten Blick gar nicht so sehr viel zu sein. Doch man muß berücksichtigen, daß es sich hier um die Zahl der VERFAHREN handelt. Das bedeutet aber: Zu jedem Verfahren gehören meist mehrere Täter, eine ganze Anzahl von Opfern und eine Vielzahl kinderpornografischer Videos, Hefte und anderer Machwerke sowie eine - theoretisch - unbegrenzte Zahl von Konsumenten.

Dabei bleiben Fragen offen, die zur Zeit noch nicht beantwortet werden können: Wie hoch ist die Dunkelziffer? Sind nur die Anzeigen mehr geworden oder auch die tatsächlichen Fälle? Hat die zunehmende Veröffentlichung des Themas, bei der oft genau geschildert wird, wieviel Geld man mit welchen Produktionen verdient, dazu geführt, daß es mehr Fälle geworden sind? Gibt es "Neugierige", die Kinderpornografie konsumieren, weil sie sonst schon alle Perversionen kennen?

Wie Kinder sexuelle Gewalt und pornografische Ausbeutung erleben

Wenn der sexuelle Mißbrauch beginnt, ist das Kind meist bestürzt, verwirrt, fassungslos. Oft bettet der Täter seine Übergriffe in angeblich harmlose Spiele und macht dann eben "spaßeshalber" ein paar schöne Fotos davon - als Einstieg.

Das Kind kann dieses seltsame Verhalten des Erwachsenen nicht einordnen, glaubt sich getäuscht zu haben, kann und will nicht wahrhaben, was ihm geschieht. Die Kinder hoffen, daß "es" aufhört. Schon hier beginnt das Schweigen. Wie "es" in Worte fassen? Wer wird das glauben? Das Kind kann es ja selbst nicht glauben.

Die meisten betroffenen Kinder schämen sich abgrundtief, daß ihnen so etwas passiert ist. Sie schämen sich für den Täter, für sich selbst und sie schämen sich für die oft so unvorstellbar erniedrigenden und widerlichen Handlungen.

Eng verbunden mit den Schamgefühlen sind die Schuldgefühle. "Ich muß Schuld haben, sonst würde mir das nicht geschehen." Die Schuldgefühle entstehen auch durch einen psychodynamischen Prozeß, den wir "Identifikation mit dem Aggressor" nennen.

Ein Kind ist existentiell auf seine Eltern angewiesen. Es muß überzeugt sein, daß sie ihm nicht schaden wollen - sein Leben hängt davon ab. Bei einem sexuellen Mißbrauch durch eine Bezugsperson beginnt das Kind, sich mit den Augen des Täters zu sehen. Damit wird er entschuldet und das Kind übernimmt die Schuld. "Papa macht das, weil er mich liebhat, ja, das hat er gesagt!" "Opa macht das, weil ich böse war. Na ja, war ich auch!" Er darf keine Schuld haben, sonst gibt es auch keine Hoffnung.

Wir kennen ein ähnliches Phänomen bei Geiselnahmen. Manche der gewaltsam Entführten identifizieren sich mit den Geiselnehmern und ihren Zielen. Sie finden, daß die Geiselnehmer eigentlich sehr nett waren. Sich den Feind zum Freund zu machen, heißt, Angst zu reduzieren, und zwar Todesangst, nach dem Motto: "Wenn wir Freunde werden, kann er mich nicht töten". Mißbrauchte Kinder befinden sich in einer ähnlichen Extremsituation des Ausgeliefertseins und der Todesangst und sie reagieren oft auch sehr ähnlich.

Schuld- und Schamgefühle werden vom Täter genährt: "Du willst das doch auch!" "Du bist einfach zu süß!" "Du hast dich doch gar nicht gewehrt!" "Nur schlechte Mädchen tun das!" "Sollen alle wissen, daß Du ein Schwuler bist?"

Der eigenen Wahrnehmung, dem eigenen Erleben, den eigenen Gefühlen und Sinnen nicht mehr vertrauen zu können, bedeutet, in einer ver-rückten Welt zu leben. In dieser Welt gibt es keine Stabilität und keine Sicherheit. Es bedeutet, aufzuwachsen im dichten Nebel, der bevölkert ist von Gespenstern, unbegreiflichen Horrorwesen und blutigen Monstern.

Den Drohungen, die wir uns in ihrer Gemeinheit manchmal gar nicht vorstellen können, hilflos ausgeliefert, wird das Kind zum Spielball perverser Phantasien. Es wird behandelt wie ein Stück Dreck und so fühlt es sich auch - schmutzig. Wieder ein Grund, nichts zu erzählen.

Und wem auch. Für die Kinder ist es wichtig, niemandem zu vertrauen, immer auf der Hut zu sein.

Und trotz all dem gibt es da auch meist noch die Verbundenheit. Für viele betroffene Kinder ist der Täter tatsächlich die einzige Person, die sich um sie kümmert, der einzige "Freund" - was dem Täter gut zupaß kommt und was er fördert, in dem er das Kind von anderen Menschen und möglichen Vertrauenspersonen entfremdet. "Ich weiß, die Mama hat Dich gar nicht lieb.. sie wird krank und stirbt, wenn sie hört, was Du gemacht hast... Du darfst dem Opa nichts erzählen, sonst kriegt der einen Herzinfarkt usw." So ist das Kind ganz zerrissen. "Ja, ich bekomme auch Aufmerksamkeit, ich bin wichtig für ihn, er unternimmt etwas mit mir, ich bekomme Geschenke, werde verwöhnt - aber das andere ist so schrecklich."

 

Das Kind fühlt sich in der Pflicht und bezahlt mit seinem Körper. Und postwendend ist die Schuld wieder da, denn er wird sagen: "Du hast Dich nicht gewehrt." "Das T-Shirt haste aber gern genommen, was?"

Die größte Scham folgt, wenn tatsächlich - das kann vorkommen - der Körper reagiert. Vielleicht nur mechanisch, aber da ist eben eine Erektion, ein Lustgefühl in all dem Schrecken. Das heißt nicht, daß dieses Kind die sexuellen Übergriffe mag. Es haßt sie und es fühlt sich verraten vom eigenen Körper. Noch mehr Schuld und Schande, noch mehr Grund zu schweigen, noch mehr Gelegenheit für den Täter, die Situation hämisch für Erpressung und Schuldzuweisung auszunutzen.

Kinder, die mißbraucht werden, sind furchtbar einsam. Sie tragen ein Geheimnis mit sich herum, das sie, vor allem im eigenen Gefühl, unterscheidet von anderen Kindern. Und sie dürfen sich niemals etwas anmerken lassen. (Was ihnen glücklicherweise oft nicht gelingt).

Allgegenwärtig ist die Angst und alles kann angstauslösend sein, Alleinsein, Dunkelheit, Männer, der Geruch nach Alkohol, eine bestimmte Körperhaltung, ein bestimmter Raum usw.

All diese Gefühle werden durch die Pornografie verschlimmert. Hier ist das Kind nur noch ein Stück Handelsware, bemessen nach dem Profit, den es bringt. Das Objekt der Begierde für Hunderte fremder Augen und Phantasien.

 

Das Gefühl der Erniedrigung und Beschämung steigt mit der Anwesenheit von Zeugen und dem Gefilmtwerden. Nehmen Sie ein alltägliches Beispiel: Sie gehen auf der Toilette einem menschlichen Bedürfnis nach. Sie drücken, entwickeln Geräusche und Gerüche. Vielleicht lesen Sie dabei, genießen die "Erleichterung". Sie schämen sich natürlich nicht.

Nun stellen Sie sich vor, die Tür geht auf und ein paar Freunde oder Kolleginnen stehen da und schauen Ihnen zu. Vielleicht machen sie Bemerkungen über Ihre Verrichtung. Und dann holen sie eine Videokamera heraus und beginnen Sie zu filmen. Die Zeugenschaft von Personen und Bildern verändert die Situation vollends, obwohl Sie sich im Gegensatz zu den Kindern beim sexuellen Mißbrauch ursprünglich gar nicht geschämt haben. Von einem Moment auf den anderen wird aus einer alltäglichen, befreienden Verrichtung ein Horrortrip von Demütigung, Verletzung, Wehrlosigkeit.

Aber die Zeugenschaft der Bilder bewirkt auch, daß die Bedrohung durch die Täter viel massiver ist, denn das Entdeckungsrisiko ist höher. Mit offener oder subtiler Gewalt, Druck, Versprechungen oder materiellen Zuwendungen, Schuldzuweisungen und angeblicher Zuwendung werden die Kinder gefügig gemacht. Eine Mischung aus all dem kann wie eine Gehirnwäsche wirken. Durch das Zeigen von Kinderpornos wird den Kindern suggeriert, daß das doch ganz normal ist und anderen Kindern Spaß macht. Dies verrückt wiederum ihre Wahrnehmung. Sind erstmal Aufnahmen fertiggestellt, können die Kinder erpreßt werden, weiterzumachen, noch härtere Dinge zu tun - und dabei zu lächeln - oder andere Opfer beizubringen. Besonders belastend ist, wenn die Kinder oder Jugendlichen gezwungen werden, vor laufender Kamera andere Kinder zu mißbrauchen oder zu verletzen. Diesem Druck nicht widerstanden zu haben, selbst so geworden zu sein wie der Täter, ist für die einen ein Abgrund an Scham und Schande, der ihnen wirkungsvoll den Mund verschließt.

Für andere ist "Täter werden" eine Überlebensstrategie, denn das Gefühl der völligen Hilflosigkeit ist so unerträglich, daß sie lieber die Schuld übernehmen. Dabei können sie sich wenigstens einreden, sie machten das freiwillig oder wegen des Geldes oder um die blöden Freier abzuzocken. Dieses bißchen vorgetäuschte Macht hilft ihnen gegen die totale Selbstaufgabe. Durch die Zeugenschaft der Bilder gibt es kein Vergessen und kein Verdrängen. Verdrängung ist ein wichtiger Überlebensmechanismus von Gewaltopfern. Sich nicht zu erinnern, den Schmerz nicht wahrzunehmen, ist für die Kinder in vieler Hinsicht eine Gnade. Bei Pornografie ist dies nicht möglich. Es gibt immer die Zeugen und die Filme. Das kann kaum verdrängt werden. Die Bilder sind der Beweis, daß Gefühle keine Rolle spielen.

So ist für einige Mädchen und Jungen der einzige Ausweg, selbst "gefühllos" zu werden. Sie spalten ihre Gefühle ab, werden eiskalt und abgebrüht. "Diese Pornos drehen, das macht gar nichts. Ist sogar ganz geil. Und die Knete stimmt. Also warum nicht". Das "coole" Auftreten wird den Kindern oder Jugendlichen oft nachteilig ausgelegt. Es ist nicht "Verdorbenheit", es ist die nackte Notwehr. Wenn sie ihre wirklichen Gefühle spüren müßten, könnten sie das vielleicht nicht überleben. Es ist wirklich wie gefressen werden - nur schlimmer.

Prävention - Gibt es eine Vorbeugung gegen Kinderpornografie ?

Kinderpornografie ist zuerst einmal eine Form des sexuellen Mißbrauchs und grundsätzlich hilft die Art der Prävention, wie wir sie auch gegen den sexuellen Mißbrauch kennen. Die Basis ist eine Grundhaltung, mit der Erwachsene allen Kindern begegnen sollten:

Respekt und Achtung ihrer Persönlichkeit, Fairneß, Ernstnehmen der jeweiligen kindlichen Eigenheit, des Eigen-Willens und der Selbstbestimmtheit. Das alles heißt, Kinder als vollwertige Menschen zu akzeptieren und die eigene Übermacht als Erwachsene nicht zu benutzen, um sich Kinder unterzuordnen.

Selbstbewußte, starke Mädchen und Jungen mit guten, vertrauensvollen Beziehungen zu unterstützenden Erwachsenen, haben eine bessere Chance, einem sexuellen Übergriff zu entgehen.

Hier noch einige Tips für den Alltag:

bulletRespektieren Sie immer, wenn ein Kind nicht zärtlich sein will.
bulletUnterstützen Sie Kinder, Berührungen, die sie nicht mögen, zurückzuweisen.
bulletBeteiligen Sie Kinder soweit wie möglich an Entscheidungen.
bulletSprechen Sie mit Kindern über deren Erlebnisse, seien Sie interessiert und hören Sie zu.
bulletBestärken Sie Kinder, sich nichts einreden zu lassen, was ihnen gegen den Strich geht.
bulletAkzeptieren Sie Gefühle der Kinder - auch wenn Sie sie nicht teilen.
bulletSprechen Sie mit Kindern offen über Sexualität.
bulletErmutigen Sie Kinder,"schlechte Geheimnisse" nicht für sich zu behalten.
bulletVergessen Sie feste Bilder von "richtigen" Mädchen und "richtigen" Jungen. Hauptsache eine "richtige" Persönlichkeit!

 

In Bezug auf das Internet stellt sich für viele Eltern die Frage, wie sie verhindern können, daß ihre Kinder mit pornografischen Produkten in Kontakt kommen. Hier kann eine Kindersicherung, d.h. eine sogenannte Jugendschutz-Software, die Kindern den Zugang verwehrt, helfen, wenn auch erfahrungsgemäß dadurch die Neugier der Kinder angeregt werden kann. Auf alle Fälle ist es sinnvoll, daß Eltern ihre Medienkompetenz erhöhen.

Wenn sie selbst die Bereitschaft haben, sich an dem, was ihre Kinder interessiert, zu beteiligen, können sie ihre Kinder begleiten und eine kritische Auseinandersetzung mit den Medieninhalten anregen.

Wenn Sie mehr über Möglichkeiten der Vorbeugung im Erziehungsalltag wissen möchten, empfehlen wir Ihnen die Broschüre "Gegen sexuellen Mißbrauch an Mädchen und Jungen - Ein Ratgeber für Mütter und Väter." Zu bestellen bei der AJS gegen eine Schutzgebühr von DM 3,- DM.

Und noch eine Form der Vorbeugung ...

Wenn es um den Handel und die Verbreitung von Kinderpornografie geht - zumal auf professioneller Basis - gibt es nur eine Form der Vorbeugung: Den Gang zur Polizei. Hier ist Repression die beste Prävention. Deshalb:

Falls Sie zufällig auf Kinderpornografie - Videokassetten, Zeichnungen, Hefte, Internetangebote - stoßen, sollten Sie das Material nicht wegwerfen, auch wenn es Sie anwidert. Gehen Sie zur Polizei!

Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie müssen konsequent angezeigt und von der Polizei verfolgt werden. Jedes kinderpornografische Machwerk, das Sie empört in den Papierkorb werfen, ist eine Chance weniger, die Verbreitung zu stoppen und den Tätern das Handwerk zu legen.

Wenn Sie in einem Fotolabor arbeiten und Ihnen fallen Fotos mit sexuellen Szenen auf, bei denen Kinder oder Jugendliche beteiligt sind, gehen Sie ebenfalls zur Polizei. Auf diesem Wege wurden schon einige Täter dingfest gemacht.

Vielleicht wollen Sie eine Indizierung sogenannter FKK-Magazine unterstützen, in denen nackte Kinder auf sexualisierte Weise abgebildet sind. Wenden Sie sich an das örtliche Jugendamt. Dieses kann einen Indizierungsantrag bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ( BPjS) stellen.

Bei der Verbreitung kinderpornografischer Bilder im Internet empfiehlt sich folgende Vorgehensweise:

Falls Sie beim "Surfen" im Internet zufällig auf kinderpornographische Bilder stoßen, notieren Sie bitte die Netzadresse (im WWW) bzw. Absender, Betreff und die Bezeichnung der Newsgruppe (im Usenet) und übermitteln Sie diese Angaben der nächsten Polizeidienststelle.

Falls Ihnen unaufgefordert kinderpornographisches Material per E-Mail zugesandt wird, sichern Sie das Bild und die E-Mail (Ausdruck oder auf Diskette) und übersenden Sie diese Informationen an die nächste Polizeidienststelle.

Oder

Senden Sie die Informationen per E-Mail an eine im Internet vertretene Polizeidienststelle. Die Netzadressen erfahren Sie über die verschiedenen Suchdienste, z.B. WEB.DE.

Wichtig für die weiteren Ermittlungen der Polizei: Wer hat was an wen wann versendet?

Und keine Angst, daß Sie sich selbst straffällig machen: Wenn Ihnen das kinderpornografische Material unaufgefordert übersandt wurde oder Sie beim "Surfen" zufällig darauf stoßen, kann Ihnen nichts passieren.

Es kann immer wieder vorkommen, daß verschiedene Firmen aus dem nahen Ausland direkt oder über Drittländer massenhaft pornografisches Prospektmaterial an private Haushalte in der Bundesrepublik schicken. An die Adressen kommen sie durch den illegalen Kauf von Adreßdateien ganz normaler Firmen wie z.B. Versandhäuser.

Dafür ein besonderer Tip: Wenn wir unaufgefordert mit solchen Machwerken aus anderen Ländern belästigt werden, sollten wir sie vielleicht dankend an das Herkunftsland zurückgeben: Senden Sie diese Prospekte an die jeweilige Botschaft mit einer deutlichen Stellungnahme, was Sie davon halten. Ein klares politisches Signal.

Auch der Gesetzgeber ist aktiv geworden. So sollen die Strafen für sexuelle Gewalt an Kindern erhöht werden, sodaß sexueller Mißbrauch nunmehr als "Verbrechen" und nicht mehr nur als "Vergehen" eingestuft wird.

Schauen Sie nicht weg, helfen Sie Mädchen und Jungen. Sich raushalten ist in unserer Gesellschaft üblich geworden. Machen Sie es nicht auch so. Sich raushalten schützt nur den Täter - niemals das Kind.

Information, Hilfe, Beratung

Es gibt mittlerweile eine Reihe von Anlauf- und Beratungsstellen, die bei der Vermutung eines sexuellen Mißbrauchs raten und helfen können.

Bei den örtlichen Gleichstellungsstellen und Jugendämtern erfahren Sie die Adresse der nächstgelegenen, für Sie geeigneten Stelle. Auch viele Erziehungsberatungsstellen, Frauenberatungsstellen, Einrichtungen der Pro Familia oder des Deutschen Kinderschutzbundes und Ärztliche Beratungsstellen können Ihnen helfen. Spezialisierte Anlaufstellen finden Sie häufig unter der Bezeichnung "Notruf", "Kontakt- und Informationsstelle", "Wildwasser", "Zartbitter", "Mädchenberatung" oder ähnlichem im Telefonbuch. Der Notruf des Kinderschutzbundes hat eine eigene Telefonnummer. Wenn Sie eine Anzeige erstatten oder sich bei der Polizei informieren wollen, wenden Sie sich an die nächstgelegene Polizeidienststelle. Zuständig für das Delikt Kinderpornografie/sexueller Mißbrauch ist das Kriminalkommissariat zur Bekämpfung von Sexualdelikten.

Literatur

AJS (Hg.): Gegen sexuellen Mißbrauch an Mädchen und Jungen - Ein Ratgeber für Mütter und Väter. 5. Aufl. Köln 1997

AJS (Hg.): Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen - Sichtweisen und Standpunkte zur Prävention. Köln 1995

Bange, Dirk: Kinderpornographie. In: Bienemann, G./Hasebrink, M./Nikles, B. (Hg.): Handbuch des Kinder- und Jugendschutzes. Münster 1995

Braun, Gisela: Kinderpornografie - Problemdarstellung und Maßnahmenvorschläge. In: AJS-Forum 1/96

Braun, Gisela: ".. .das ist wie gefressen werden..." Wie Kinder sexuelle Gewalt und Kinderpornografie erleben. ln: AJS-Forum 3/96

Buskotte, Andrea/Reiter, Karoline: Kinderpornographie. In: Pornographie. Dokumentation der Tagung in Barsinghausen 9.-11. Dezember 1993

Dietz-Lenssen, Matthias: Kinderpornographie im Internet. Eine kritische Bestandsaufnahme von Erscheinungsformen und Gegenmaßnahmen. In: Lenssen, M./Stolzenburg, E.(Hg.): Schaulust, Erotik und Pornographie in den Medien. Opladen 1997

Drewes, Detlef: Kinder im Datennetz. Pornographie und Prostitution in den neuen Medien. Frankfurt 1995

Enders, Ursula: Das organisierte Verbrechen: Pornographie mit Kindern. In: Diess. (Hg.): Zart war ich, bitter war's. Handbuch gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen. Köln 1995

Landtag NRW: Drucksache 12/85 ,,Kinderpornographie in Datennetzen", 14.11.95

Landtag NRW: Drucksache 11/4453 ,,Perversionen per Post", 05.10.92

Landtag NRW: Drucksache 12/855 ,,Kriminellen Mißbrauch neuer Medien der Datenfernübertragung bekämpfen - Kinderpornographie verhindern", 22.03.96

Laschet, Reiner: Kinderpornographie. Eine aktuelle Bestandsaufnahme aus kriminalpolizeilicher Sicht. In: AJS-Forum 34/91

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW (Hg.): Was stimmt da nicht? Sexueller Mißbrauch: Wahrnehmen und Handeln. Informationen und Anregungen für Kindergarten, Schule und Jugendarbeit. Erarbeitet von Monika Weber und Stephan Kibben. Düsseldorf 1991

Schnieders, Peter/Lenzen, Monika: Kinderpornographie in Deutschland. In: Der Kriminalist 78/95

Thönnissen, Ann/Meyer-Andersen, Klaus: Dunkelziffer. Das geheime Geschäft mit der schmutzigen Pornographie. München 1990